Der Jenaer Soziologie-Professor Hartmut Rosa hat seinen SPIEGEL-Bestseller „Demokratie braucht Religion“ aktualisiert. Rosa hat eine durchaus differenziertes Sicht über Religion. Er sieht die Gefährdung durch radikale Formen und Mißbrauch, nicht nur im Islam, auch im Christentum und anderen Religionen. Anderseits erkennt er eine grundlegende Schwäche und Gefährdung der Demokratie durch die Moderne selbst. Unsere heutigen Industriegesellschaften können nur stabil bleiben, so die Kernthese, wenn sie ihr Wachstum aufrecht erhalten – in immer schnellerem Tempo (Rosa nennt das „dynamische Stabilisierung“). Wachstum und Innovation gab es in menschlichen Gesellschaften natürlich schon immer. Aber die heutige Gesellschaft MUSS wachsen, um ihren Status quo zu erhalten. Das sei letztlich suizidal, weil nicht durchhaltbar. Die derzeitige Beschleunigung sieht Rosa nicht als Folge von Gier (immer mehr haben wollen), sondern sie sei angstgetrieben. Wachsen oder Abstürzen. Eine Gesellschaft, die sich „im atemlosen, rasenden Stillstand“ befindet, zahle letztlich einen sehr hohen Preis: Wir benötigen immer mehr Energie, immer mehr Ressourcen, um in der generalisierten Konkurrenzsituation aller gegen alle bestehen zu können. Die grundlegende Einstellung zur Welt sei ein Aggressionsverhältnis, die Gesellschaft ist im permanenten Alarm- und Angriffsmodus. Wir merken es auf allen Ebenen, an der zunehmenden Umweltzerstörung, Klimakrise, Artensterben, ökonomischer Konkurrenzkampf, Rückkehr von Kriegen und Seuchen. Es wird spürbar an den aufgeheizten politischen Debatten, am Explodieren unserer To-do-Listen, bis in die individuelle Ebene zunehmender Burn-out-Krisen hinein. Die Logik der dynamischen Stabilisierung erzeuge „ein Energieproblem im Klima und ein Energieproblem für die Psyche: Beide brennen aus.“ Rosa diagnostiziert eine grundlegende Krise und ein Paradigmenwechsel der Moderne. Die Moderne lebte lange von einer Meta-Erzählung: „wir arbeiten hart, den Kindern wird es einmal besser gehen.“ Dieser Mythos sei zerstört und ersetzt worden durch die spätmoderne Verfallsfassung „Wir haben viel, wir arbeiten hart, den Kindern wird es schlechter gehen.“ Statt verheißungsvoller Zukunft laufen wir vor einem Abgrund weg, der uns von hinten immer schneller einholt.
Rosas Fazit: „Demokratie funktioniert nicht im Aggressionsmodus.“ Was kann dann helfen? Rosa fordert „ein hörendes Herz“, damit die moderne Gesellschaft nicht dysfunktional wird. Menschen müssen (wieder) aufeinander hören – und die Realität wahrnehmen können. Kern der Krise sei ein fehlen von „Anrufbarkeit“. Wir brauchen die Fähigkeit, auch mal auf-zu-hören (im Doppelsinn: zu stoppen, und auf den anderen Menschen bzw. auf etwas anderes, zu hören). Allerdings falle so ein hörendes Herz nicht vom Himmel – es muss eingeübt werden.
Hier kommt für Rosa Kirche und Religion eine wichtige Rolle zu: „Meine These lautet…, dass es religiöse Traditionen und auch Institutionen wie die Kirchen sind, die über Narrationen und über ein kognitives Reservoir verfügen, über Riten und Praktiken, über Räume und Zeiten, in denen ein hörendes Herz eingeübt und vielleicht auch erfahren werden kann.“
Ein wichtiges Buch zur Krise der modernen Gesellschaft. Rosa bleibt nicht beim sonst üblichen Religions-Bashing stehen. Er begründet überzeugend, warum gerade auch die säkulare Gesellschaft Religion braucht. Kritisch bleibt anzumerken, dass er letztlich dann doch im modernen Relativismus stecken bleibt, wenn er vom „Janusgesicht“ der Religion spricht. Seine Kritik an religiösem Fanatismus kann man nur teilen. Aber die verfassten Religionen dafür zu kritisieren, dass nicht nicht nur für Entschleunigung, bewusster Leben etc stehen, sondern für auch für konkrete Inhalte, ist absurd. Das wäre wie die positive Wirkung von Musik zu loben und gleichzeitig konkrete Formen von Musik (Klassik, Pop, Hardrock) zu kritisieren, weil ja nicht jeder Klassik, Pop oder Hardrock mag. Rosa ist zu danken, dass er den Wert von Religion aus soziologischer Sicht klar herausarbeitet. Ihm ist vorzuwerfen, dass er aber über die eigene soziologische Sicht nicht hinauszudenken vermag. Religion gibt ohne konkrete Inhalte nicht – ebensowenig, wie es „den Sport“ oder „die Musik“ gibt. Dennoch – bei aller Kritik meinerseits – ein lohnenswertes, lesenswertes Buch und ein wichtiger Beitrag zum Verstehen der Moderne und zum Erhalt unserer demokratischen Grundordnung.
Ergänzt wird das kleine Buch von zwei Vorworten. Das erste stammt von Gregor Gysi (Derzeit seien „nur die Religionen wirklich in der Lage, grundlegende Moral- und Wertvorstellungen allgemeinverbindlich in der Gesellschaft prägen zu können“, nachdem die Linke im real existierenden Sozialismus ihre Glaubwürdigkeit verloren hat und die Konservativen tendenziell Wertvorstellungen dem Funktionieren der Wirtschaft unterordnen würden). Das zweite von Charles Taylor, Professor für Philosophie (Montreal).