Archiv für den Monat: Oktober 2026

Ann Wiser Cornell: Focusing – Der Stimme des Körpers folgen. Anleitungen und Übungen zur Selbsterfahrung

Ann Wiser Cornell gibt in ihrem kleinen Büchlein eine hervorragende Einführung in das sogenannte Focusing. Man merkt ihr ihre jahrzehnte Erfahrung an, sowohl was die therapeutische Arbeit mit dem Focusing als auch das Lehren dieser Technik betrifft.

Jedem, der sich für Selbstwahrnehmung, Focusing und den Dialog mit inneren Anteilen des eigenen Seelenlebens interessiert, sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Es ist leicht verständlich, bietet eine gute Einführung in das Focusing – sowohl als Methode, um sich selbst besser verstehen zu lernen (Selbstfocusing), als auch in der Begleitung von anderen Personen.
Allerdings wird das Lesen des Buches keinen Kursus in Focusing ersetzen können. Wie bei allen Fertigkeiten hat das reine Buchlernen seine Grenzen. Das gilt für das Fahrradfahren und Schwimmenlernen wie für das Focusing. Aber wer sich überhaupt mit dem Thema beschäftigen möchte, wissen möchte worum es beim Focusing geht, und wie man mit den eigenen inneren Seelenanteilen liebevoll in einen Dialog treten kann, der findet hier viele wertvolle Hinweise aus der Praxis für sie Praxis. Und als Begleitlektüre für einen Kursus halte ich es für unübertroffen. Ca. 160 Seiten.

Was ist Focusing?

Focusing ist eine von dem US-amerikanischen Philosophen und Psychotherapeuten Eugene Gendlin in den 1960er-Jahren entwickelte Methode der körperorientierten Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung. Gendlin war Mitarbeiter (und Nachfolger) von Carl Rogers, und beschäftigte sich mit der Frage, warum bei manchen Patienten eine Psychotherapie gute Ergebnisse brachte, bei anderen nicht. Sein erstaunliches Ergebnis nach der Analyse von hunderten von Therapie-Audio-Aufnahmen: Diejenigen, die am meisten von den Gesprächen profitieren, waren Patienten, die einen gewissen Zugang zu inneren Eindrücken hatten. Vereinfacht ausgedrückt: Die Zugang zu ihrem „Bauchgefühl“ hatten. Gendlin fragte sich, ob man, wenn man diesen Zugang zur eigenen Innenwelt nicht schon von sich aus hat, ihn lernen kann. Die Antwort ist: Ja. Man kann es lernen. Die nächste Frage, die sich ihm stellte, weil er natürlich wollte, dass alle seine Klienten von ihren Therapien einen möglichst großen Gewinn haben, war: Kann man es lehren? Die Antwort darauf ist ebenfalls „Ja“ – und führte ihn zu dem methodischen Ansatz, den er „focusing“ nannte. Das Herzstück des Focusing ist der sogenannte „Felt Sense“ (auf Deutsch etwa: körperlich gespürter Sinn, oder vages Körpergefühl, das eine seelische Bedeutung hat). Focusing arbeitet mit diesem Körpergefühl und versucht so mit den seelischen Anteilen und Gefühlen in Kontakt zu kommen, die in diesen Körpergefühlen sich zu äußern versuchen. Das kann zu sehr tiefen und überraschenden Erkenntnissen führen, und zu ganz neuen Wachstumsprozessen.